Samstag, 9. Juni 2012

Das (Un-)Gleichgewicht des Schreckens



von Stefan Götz

Just als das Forschungsinstitut Sipri einen zahlenmäßigen Rückgang der weltweiten Atomwaffenarsenale verkündete, wurde bekannt, dass Israel die von Deutschland gelieferten U-Boote mit Atomraketen bestückt. Zwar ist die Anzahl der Atomwaffen weltweit zurückgegangen, allerdings werden die Arsenale der Atommächte immer moderner. Der Schritt Israels bestätigt diese Feststellung der schwedischen Wissenschaftler. Nach wie vor bilden Atomwaffen die harte Währung im globalen Spiel um Macht und Einfluss. Ein Spiel, das kaum Regeln kennt.

Die Logik hinter dem Besitz von und dem Streben nach  Atomwaffen ist dabei von einfachster Psychologie geprägt. Frei nach dem Motto „Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu“. In diesem Fall handelt es sich bei der potentiellen Tat um die totale Vernichtung. Die traditionellen Großmächte haben ihre Atomwaffen immer als Abschreckungspotential und damit Sicherheitsgarantie verstanden. Auch für Israel gilt diese Logik. Seit der Staatsgründung 1948 ist Israel umgeben von einer grundsätzlich feindlich gesinnten Umgebung. Mit dem Beginn des israelischen Atomprogrammes in den 1950er Jahren hat Jerusalem seine Atomwaffen als Abschreckung gegen diese Umwelt verstanden.

Dennoch konnten die Atombomben weder den Jom-Kippur Krieg, noch den Libanonkrieg oder die erste und zweite Intifada verhindern. Der Einsatz von Atombomben wurde von israelischer Seite zwar während des Abnutzungskrieges mit Ägypten und dem folgenden Kom-Kippur Krieg in Erwägung gezogen, aber glücklicher Weise nie durchgeführt. Nach den Friedensverträgen zwischen Israel auf der einen Seite und Jordanien und Ägypten auf der anderen Seite, hat sich die Bedrohungslage in dem kleinen Mittelmeerland grundsätzlich geändert. Kleine nicht-staatliche Akteure wie die Hamas und die Hisbollah stellen für Israel die größte unmittelbare Bedrohung da. Aus geostrategischer Sicht ist man in Jerusalem besonders durch das iranische Atomprogramm besorgt. Die Auslöschungsrethorik des iranischen Präsidenten Ahmadinejad lässt diese Sorge zu einer konkreten Angst mutieren. Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen des jüdischen Volkes sollte nie wieder eine Macht im Stande sein, den Staat Israel in seiner Existenz zu bedrohen, so der Kerngedanke israelischer Außenpolitik.

Der Anspruch des Irans auf ein eigenes Atomprogramm und der höchstwahrscheinlichen Entwicklung von Atomwaffen, folgt ebenso der bereits erläuterten Logik. Dabei sind aus geostrategischer Sicht Israels und Irans Position ähnlicher als der erste Blick vermuten lässt. Der Iran ist ebenso wie Israel von Feinden umzingelt - von Saudi-Arabien hinzu dem massiven Militäraufgebot der USA in der Region. Durch den Besitz von atomaren Langstreckenraketen könnte Teheran seine Vormachtstellung in der Region ausbauen und würde ausländische Mächte effektiv abschrecken in dem schiitischen Gottesstaat  zu intervenieren. Diese beiden Anreize scheinen dabei stärker ausgeprägt, als die Angst vor wirtschaftlichen Sanktionen und dem Boykott iranischen Öls. Das Beispiel Nordkorea hat gezeigt, dass die internationale Gemeinschaft nur wenig Druckmittel hat um einen Staat vom Aufbau eines Atomwaffenprogrammes abzuhalten - besonders wenn ein Regime den Erwerb von Atomwaffen als nationale Aufgabe und Prestigeprojekt begreift.

Vor diesem Hintergrund ist es also unwahrscheinlich, dass der Iran sein Atomprogramm aufgeben wird. Nun mag mach ein Beobachter argumentieren, dass sich die internationale Gemeinschaft auf lange Sicht auf einen nuklear bewaffneten Mittleren Osten einstellen werden muss. Schließlich hätte das Gleichgewicht des Schreckens auch während des Kalten Krieges Stabilität garantiert. 

Dies stimmt nur auf den ersten Blick. 

Während des Eisernen Vorhanges stand die Welt zum wiederholten Male vor dem Ausbruch eines nuklear geführten Weltkrieges - entweder bewusst, wie während der Kuba-Krise oder unbewusst auf Grund technischen Versagens, wie 1983 als die russische Satellitenüberwachung den Start amerikanischer Nuklearakten meldete. Ebenso spielt der Faktor Mensch eine entscheidende Rolle, so wurde ebenfalls 1983 das NATO-Manöver Able Archer 83 durch die Aufklärung des Warschauer Blocks als verdeckter echter nuklearer Angriff gedeutet. Obwohl beide Supermächte über das rote Telefon in Kontakt standen, kann im Rückblick von echter Stabilität keine Rede sein. Im Israelisch-Iranischen Konflikt existiert solch ein Sicherheitmechanismus nicht einmal. Beide Länder haben keine diplomatischen Kontakte und die Kommunikation findet hauptsächlich über externe Medien statt. Eine hochgradig gefährliche Situation.  Nuklearwaffen werden im Nahen Osten zu keinem Gleichgewicht führen. Ganz im Gegenteil, sie werden das Konfliktpotential erhöhen und bringen die Gefahr eines Atomkrieges mit sich.

Israel ist dabei alleine durch seine Größe besonders gefährdet und wird daher als „one bomb country“ bezeichnet. Dementsprechend eifrig ist die israelische Regierung, den Iran unter allen Umständen von der Produktion von Nuklearwaffen abzuhalten. Ein israelischer Angriff auf den Iran würde die Bestrebungen des Mullah-Regimes höchstens um einige Jahre verzögern. Der Preis wäre ein regionaler Konflikt, der unsägliches Leid über die Völker des Nahen Ostens bringen würde und Israels Verteidigungsfähigkeit auf das Maximum ausreizen würde. Dies kann und darf kein Szenario für die Zukunft sein. Die internationale Gemeinschaft muss alles tun um eine nukleares Wettrüsten in der Region zu verhindern. Dazu gehört es den Iran vom Bau der Atomprogramm abzuhalten, aber auch das Israelische Atomwaffenprogramm international zu überwachen. Es muss ein Anreizsystem geschaffen werden unter dem beide Länder langfristig bereit sind ihre Atombomben aufzugeben. Eine Option könnte es sein Israel in die nukleare Teilhabe der USA einzubinden und den Iran unter den russischen Schutzschirm zustellen. Damit wäre zwar die Gefahr eines globalen Atomkrieges nicht gebannt, aber beide Länder hätten Ihre Souveränität garantiert und dem Draht Washington-Moskau würde wieder eine entscheidende Bedeutung zukommen. In einer multipolaren Welt eine unerlässliche Bedingung.

Soweit ist dieses Szenario allerdings reine Spekulation und die Zukunft des Nahen Ostens bleibt weiter ungewiss.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen