Sonntag, 3. Juni 2012

Der Krieg der Worte, den keiner wollte und niemand braucht



von Stefan Götz

Seit Tagen bestimmt ein Thema die Tagesschau: Die Reise des Bundespräsidenten nach Israel. Dabei entzündet sich in Deutschland gerade eine Debatte an der Frage, ob Joachim Gauck die Äußerung der Bundeskanzlerin vor der Knesset 2008 abgeschwächt oder sogar revidiert habe. Angela Merkel hatte damals die Sicherheit Israels als Teil deutscher Staatsräson bezeichnet. Nun zeigt sich an der Diskussion wieder einmal, wie leicht die deutsche Öffentlichkeit zu Scheindebatten tendiert. Die eigentlichen Gefahren im Nahen Osten geraten dabei aus dem Blickfeld.

Durch das schreckliche Massaker von Hula hat der Bürgerkrieg im benachbarten Syrien eine weitere Eskalationsstufe erreicht. Den öffentlichen Überlegungen des Französischen Präsidenten Hollande über eine militärische Intervention werden wohl kaum konkrete militärische Konsequenzen folgen. Zu unterschiedlich sind die Positionen zwischen dem Westen und dem Block Russland-China, aber auch innerhalb der NATO herrschen massive Vorbehalte gegenüber einem militärischen Vorgehen. Dies ist verständlich.
Die  Ängste vor den Kosten und Gefahren eines womöglich langwierigen Engagements in der Region sind in allen politischen Lagern ausgeprägt. Die Europäer haben nicht vergessen, wie lange sich der Libyen-Einsatz hinzog, obwohl das Land nur 6 Millionen Einwohner hat und Colonel Gaddafis Armee äußerst schwach ausgebildet war. Besonders die Zurückhaltung der Amerikaner hat sich in diesem Konflikt als die operative Achillesferse der NATO herausgestellt. In der jetzigen Syrien-Krise machen die Amerikaner sogar ganz unverhohlen ihren Zweifeln an einem militärischen Einsatz Luft.
Es ist daher höchste Zeit, dass die Europäische Union sich ihrer außenpolitischen Verantwortung bewusst wird. Die Länder Europas werden in Zukunft mehr und mehr gefordert sein, ihre Sicherheit selbst in die Hand zu nehmen. Die proaktive Forderung von François Hollande nach einer militärischen Intervention ist dabei ein Schritt in die richtige Richtung. Es geht nicht um unilaterale Kriegserklärungen oder die Nichtbeachtung des Völkerrechts und der Vereinten Nationen. Ganz im Gegenteil. Die EU muss im Zweifelsfall bereit sein diplomatischen und militärischen Druck aufzubauen. Nur so können Menschenrechte und eigene Sicherheitsinteressen aktiv vertreten werden. Genau diese Punkte sind durch die Lage in Syrien bedroht. Das Regime in Damaskus zeigt keine Anzeichen dem Abschlachten Einhalt zu gebieten. Währenddessen steigt die Gefahr, dass sich der Konflikt zu einem regionalen Flächenbrand ausweitet.
Spätestens an diesem Punkt ist die deutsche Israel-Politik betroffen. Die gegenwärtige Debatte vernachlässigt diese entscheidenden Rahmenbedingungen. Stattdessen wird heißblütig darüber debattiert, ob Deutschland im Falle eines Krieges zwischen Israel und dem Iran der Regierung in Tel Aviv militärischen Beistand leisten soll oder nicht. Eine obskure und unrealistische Fragestellung! Die Israelis benötigen für einen dauerhaft wirksamen Militärschlag gegen den Iran in erster Linie die logistische und militärtechnische Unterstützung durch die USA. Sie werden wohl kaum als Alternative auf die Bundeswehr setzen. Deutschland kann diese Rolle gar nicht ausfüllen. Warum wird diese geo-strategische Fragestellung dann so intensiv in Deutschland geführt? Man wird das Gefühl nicht los, dass die Beweggründe woanders liegen. Es ist vielmehr die tiefsitzende Frage: „Wie viel Kritik an Israel ist erlaubt?“, die die Politikseiten und Feuilletons der deutschen Presse umtreibt.  Der Bundespräsident hat darauf eine einfache, aber weise Antwort gegeben; das deutsch-israelische Verhältnis ist geprägt durch den „Geist der Freundschaft“ und da ist  „auch Platz für Kritik, nicht aber für Vorurteile“. Diesem Grundsatz folgend, sollte sich die deutsche Regierung um eine aktive Nahostpolitik bemühen. Dazu gehört es, Israel für seine völkerrechtswidrige Siedlungspolitik zu kritisieren, aber ebenso Israels Sicherheitsbedenken wörtlich zunehmen und einen belastbaren Standpunkt im Umgang mit Syrien einzunehmen. Der Bürgerkrieg in Syrien hat schon längst das Potential eines regionalen Konfliktes. Mittlerweile bekämpfen sich Assads Gegner und Unterstützer auch im Libanon. Die israelischen Grenzen sind nicht mehr weit.
Die Folgen eines regionalen Konfliktes wären auch für Europa verheerend.  Dringender denn je müssen sich die Europäer vor diesem Hintergrund auf eine aktive Außen- und Sicherheitspolitik verständigen. Nun scheint die EU durch die Krise des Euros hinreichend mit sich selbst beschäftigt zu sein. Vieleicht ist es aber auch genau der richtige Zeitpunkt für Europa sich wieder auf seine Kernideen Demokratie und Menschenrechte zu fokussieren und durch eine gemeinsame Außenpolitik den Zusammenhalt Europas neu zu beleben.

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